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rückblick: Lesung mit Usama Al Shahmani - In der Fremde sprechen die Bäume arabisch

27. februar / 19.30

Er schlägt Wurzeln auf Schweizer Wanderwegen

Die Diktatur, die Flucht und die Fremde: All das verarbeitet der irakische Autor Usama Al Shahmani in seinem zweiten Buch. In seiner Lesung am Mittwochabend in Weinfelden erzählte er von Schwierigkeiten und immerwährender Hoffnung, die er von seiner Grossmutter vererbt hat.

Im kleinen Raum wird es dunkler, Zwischengespräche in den Sitzreihen des „eiszueis“ in Weinfelden verstummen. Vorne im Raum, an einem kleinen Holztisch, sitzt Autor Usama Al Shahmani.

In Bagdad in Irak geboren, flüchtete er 2002 in die Schweiz. Grund dafür war seine politkritische Kunst, bald stand der Name Al Shahmani auf der Schwarzen Liste der Regierung. „Bist du in Irak geboren, hast du zwei Möglichkeiten“, sagt er mit seinen dunklen Augen. „Du flüchtest oder du stirbst.“  So entschied sich der junge Literaturwissenschaftler, sein Land, seine Familie und seine Kultur hinter sich zu lassen.

Heute, 17 Jahre später, liest der grossgewachsene Mann mit rauer aber klarer Stimme aus seinem Buch „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“. Es ist sein zweites deutschsprachiges Werk und handelt von der Diktatur, dem Heimatsbegriff und dem Fussfassen in einer neuen Kultur, was auch für einen Kenner der arabischen Literatur nicht ganz einfach ist: Plötzlich findet er sich in einem fremden Land wieder – und die Sprache hilft ihm für einmal nicht weiter.

Vornübergebeugt beginnt Al Shahmani zu lesen. Mit einfachen Worten und banalen aber genauen Beobachtungen tritt der Iraker einen Schritt zurück und lässt die Zuhörer an den ersten Erfahrungen in der Schweiz teilhaben. Zum Beispiel, als ihm das arabische Wort für Wandern fehlt, weil man das Wandern in seiner Kultur nicht kennt. „Die Iraker laufen, spazieren und schlendern“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Oder als er sich wundert, warum der Schweizer Gast um die Rechnung für seinen Kaffee bitten muss. Seine Lachfalten vertiefen sich. Er erzählt von ersten zögerlichen Schritten im Schnee und genauso zögerlichen Bekanntschaften mit der Schweizer Arbeitswelt. Von Männern mit Lackschuhen, die „wie ein Spiegel glänzen“. „Im staubigen Irak sind glänzende Schuhe ein Ding der Unmöglichkeit, ausser man hat ein Paar zum Wechseln dabei“, ergänzt er.  Dann tupft er sich den Schweiss von der Stirn.

Al Shahmani schafft es nicht nur, Kulturen auf lebensnahe Weise einander gegenüberzustellen. Mit treffenden, fast schon schmerzhaft prägnanten Worten spricht er von schwierigen Zeiten, von Schmerz und der Ferne. „Ich werde immer anders sein, egal wo ich bin“, erzählt er. In solchen Momenten helfe ihm die Natur. „Ausgerechnet das Wandern gibt mir heute Hoffnung“, sagt Al Shahmani und blickt auf seine eigenen Zeilen vor sich. Der Wald ist sein neuer Zufluchtsort, die Bäume helfen ihm beim Ankommen in der Ferne. Al Shahmani besitzt unterdessen Wanderschuhe. An diesem Abend trägt  er  jedoch schwarze Lackschuhe. Sie glänzen wie ein Spiegel.

Marielle Heeb

 

 

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