eiszueis – eventRaum   Weinfelden weiter zu

rückblick: eiszueis - Lebensgeschichten: Anna Tomaselli

23. april / 19.00 bis ca. 20.30

Langweilig wird es ihr nicht – sie hat ja sich selbst

Von Einsiedeln nach Weinfelden und wieder zurück, und das über 35 Jahre. Trotzdem hat Anna Tomaselli ihre Heimat und ihre Liebe schliesslich in Weinfelden gefunden. Eine Geschichte von Schicksal, harter Arbeit und Loslassen.

„Heilige Wecker, die Leute hier kennen mich doch gar nicht!“, ruft Anna Tomaselli, während sie auf die kleine Bühne im Eventraum „eiszueis“ steigt. „Das ist ja ein richtiger Thron!“

Die Beine rechtwinklig zum Boden, in den Händen ein Notizzettel und auf dem Kopf ein blauer Hut ­– so beginnt die 80-Jährige von ihrer Kindheit zu erzählen. Bereits nach ihren ersten Sätzen wird einem klar, dass Tomaselli nicht von Weinfelden stammen kann, zu melodisch ist ihr Innerschweizer-Dialekt und zu dominant ist das gerollte „R“ in ihrer Wortwahl.

Doch was zog die gebürtige Einsiedlerin in den Thurgau? Tomaselli lehnt sich zurück, blickt kurz an die Decke. Spontan sei sie für eine Stelle als Schuhverkäuferin in Weinfelden angefragt worden. „Jaja“, habe sie dann gesagt und sei mit ihrem Koffer in ein Zimmer im Thurgau gezogen. Doch jedes Wochenende ging es zurück nach Einsiedeln. „Zu Hause wusch ich am Sonntag noch kurz 25 Paar Socken von Hand“, erzählt sie, „bevor es Montagmorgen wieder zur Arbeit nach Weinfelden ging.

Der Grund für das Hin und Her war wohl nicht zuletzt der junge Maler Folco. „Er hat mich einfach von Anfang an fasziniert“, sagt Tomaselli und blickt ins Leere. Und obwohl die Frauen beim gebürtigen Peruaner nur so Schlange standen, entwickelte sich zwischen ihr und dem Künstler eine Beziehung, die ein Leben lang hielt. „Ich weiss, ich sollte an dieser Stelle eigentlich über mich statt über ihn sprechen“, sagt Tomaselli entschuldigend, „doch das gehört halt einfach zusammen - und damit basta.“ Mit der gleichen Selbstverständlichkeit spricht Tomaselli auch von dunkleren Kapiteln ihres Lebens. Über die psychische Krankheit ihres verstorbenen Ehemannes. Über den Krebs, Geldprobleme und über die Herausforderungen als Mutter und Ehefrau – gefangen zwischen verschiedenen Kulturen. „Einfach war es natürlich nicht immer“, sagt sie schliesslich, „aber es hat halt irgendwie funktioniert und ich habe es nie bereut.“

Heute ist Tomaselli Grossmutter von sechs Enkeln und hat ihren Witz und ihre Entschlossenheit kein bisschen verloren – im Gegenteil. Ihren 80. Geburtstag feierte sie nicht wie geplant mit der Familie. „Nein, dieser Tag gehört ganz mir“, sagte sie sich und feierte alleine. Sich seine persönlichen Auszeiten zu nehmen, sei etwas vom Wichtigsten, ist Tomaselli überzeugt. Auf die abschliessende Frage, was sie allen Anwesenden wünsche, zögert sie deshalb keine Sekunde: „Ich wünsche euch Langeweile, damit ihr über euer Leben nachdenken könnt.“

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